Von Heimkehrern, Einwanderern und eingeschleppten Arten
Neuzugänge und „Heimkehrer“ auch im Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel
Immer wieder erreichen Tierarten Gebiete, in denen sie zuvor unbekannt waren oder wo sie für mehr oder weniger lange Zeit als verschwunden galten. In den meisten Fällen freut sich der Mensch über solche Zuzügler – vor allem wenn ihr Auftauchen ein Ergebnis von Naturschutzbemühungen ist. Auch im Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel wurden in den letzten Jahren Neuzugänge und „Heimkehrer“ begrüßt. Harald Grabenhofer stellt hier die wichtigsten von ihnen vor.
In weiten Teilen Mittel- und Westeuropas und – etwas schwächer ausgeprägt – auch in Osteuropa fanden in den letzten 150 Jahren große landwirtschaftliche Umwälzungen statt. Dass die Intensivierung – Ausräumen von Strukturen in der Landschaft, Monokulturen, Überdüngung, Pflanzenschutzmittel, Grundwasserabsenkung – sich auf viele Tierarten nachteilig auswirkte, liegt auf der Hand. Bei einigen trug die starke Bejagung zusätzlich zum Niedergang bei.
Die im Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel getätigten Maßnahmen im Flächenmanagement, in Verbindung mit verschiedenen Programmen für umweltgerechte Landwirtschaft und mit verstärkten Naturschutzinitiativen weit über den regionalen Horizont hinaus, haben einen wesentlichen Teil dazu beigetragen, dass sich die Bestände mancher Arten wieder erholt haben und zuvor verlassene Gebiete wiederbesiedelt werden konnten.
Heimkehrer aus verschiedenen Richtungen
Aus Osteuropa kommend breiteten sich in den letzen Jahren Großgreifvögel wie Kaiseradler und Seeadler bei uns aus. Diese Arten profitierten auch von der Einstellung der Bejagung und von der guten Zusammenarbeit mit der Jägerschaft.
Eine Rückkehr der eher unauffälligen Art ist jene des Goldschakals. Sehr wahrscheinlich waren die bis Ende des 19. Jahrhunderts am Neusiedler See erlegten „Rohrwölfe“ eben keine Wölfe, sondern Goldschakale. Anfang des 20. Jahrhunderts brachen die Populationen in Ungarn und den angrenzenden Gebieten, unter anderem durch die starke Verfolgung, völlig zusammen. Mit der Unterschutzstellung in Südosteuropa – etwa in Bulgarien – erholten sich die Bestände und wandern nun wieder in ihre angestammten Gebiete ein. Trotzdem bleiben Sichtungen wegen der sehr versteckten Lebensweise der Tiere selten.
Der Stelzenläufer galt bis Anfang des 20. Jahrhunderts als häufiger Brutvogel am Neusiedler See. Die Absenkung des Seepegels durch den Einserkanal (vor 1965) und verschiedene weitere Trockenlegungen ließen die Art praktisch aus dem Gebiet verschwinden. In Hochwasserjahren wie 1965 wurden zwar immer wieder um die 20 Brutpaare registriert, eine wirklich dauerhafte Besiedlung des Gebietes kann aber erst wieder seit den 90er Jahren festgestellt werden. Hierfür sind vor allem überregionale Bestandstrends verantwortlich, die Beweidungsprojekte entlang des Neusiedler See Ostufers wirken sich aber sicher auch auf die Stelzenläuferpopulation positiv aus.
Eine gewisse Tendenz, das Neusiedler See Gebiet wieder verstärkt zu nutzen, zeigt auch der Kranich. Dieser große Bewohner von Feuchtgebieten und Mooren brütete noch im 19. Jahrhundert im Hanság. Intensive Schutzbemühungen führten in den letzten Jahrzehnten zu einem Bestandanstieg. Immer wieder waren zuletzt auch im Seewinkel in den Herbstmonaten bis zu 300 Exemplare am Durchzug zu sehen. Im heurigen Frühjahr waren zumindest drei Tiere über einen längeren Zeitraum während der Brutzeit im Gebiet anwesend. Deshalb in Jubelgeschrei über eine Rückkehr des Kranichs als Brutvogel auszubrechen wäre mit Sicherheit noch stark verfrüht, aber eine erfreuliche Entwicklung zeichnet sich in jedem Fall ab.
Neuzugänge bei Vögeln und Säugetieren
Neben den zurückkehrenden Arten gibt es aber auch solche, die in letzter Zeit den Seewinkel gänzlich neu besiedelt haben.
Die Brandgans war im Seewinkel bis in die 90er Jahre nur als – sehr seltener – Durchzügler bekannt. Anfang der 90er Jahre bestand Brutverdacht, und ab 1996 konnte die Art bei uns regelmäßig als Brutvogel nachgewiesen werden. Mittlerweile zum gewohnten Anblick geworden, halten sich die Tiere, ähnlich wie in den Steppenbereichen Südsibiriens, in der Nähe von Salzlacken auf.
Ebenfalls bereits ein etablierter Zuwanderer ist die Schwarzkopfmöwe. Diese ursprünglich im Schwarzmeer- und östlichen Mittelmeerraum verbreitete Art konnte sich im 20. Jahrhundert stark nach Nordwesten ausbreiten. Im Seewinkel kam es nach Einzelpaaren ab Ende der 80er Jahre seit den 90er Jahren zu einem starken Bestandsanstieg auf 30 bis 40 Brutpaare. Das Gebiet gilt somit als überregional bedeutender Binnenlandbrutplatz dieser Vogelart.
Ein Neuzugang der Seewinkler Vogelfauna, der auch Fachleute in Staunen versetzte, ist die erstmalige Brut der Zwergscharbe im Schilfgürtel des Neusiedler Sees. Dieser kleine Kormoran-Verwandte konnte in den letzten Jahren zunehmend als Überwinterer beobachtet werden. Im Rahmen der heurigen Reiherzählungen konnten schließlich 12 Paare erfasst werden. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob sich die Art etablieren und somit in die Liste der regelmäßigen Brutvögel des Nationalparks aufgenommen werden kann.
Unter den Säugetieren kann die Brandmaus als Neuzugang erwähnt werden.
Fast immer spielen bei den aufgezeigten Entwicklungen mehrere Faktoren zusammen: Verbesserung der Lebensraumqualität, gezielter Artenschutz, Einstellung der Bejagung und eventuell Anpassung an neue Gegebenheiten oder Erschließung neuer Ressourcen sind hier zu nennen.
Den Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel kann man sicherlich als ein Gebiet mit besonders intensiven Naturschutzbemühungen einstufen. So tragen etwa Beweidungsprojekte und Wiesenmahd nach naturschutzfachlichen Vorgaben zur deutlichen Verbesserung der Lebensraumqualität bei. Zudem zeigen erste Versuche einer Wiedervernässung ausgewählter Gebiete ihre Wirkung. In diesem Zusammenhang müssen freilich auch Naturschutzbemühungen weit über unsere Nationalparkgrenzen hinaus genannt werden, ohne die so manche Entwicklung – und das Eintreffen mancher Arten – anders abgelaufen wäre.
EINGESCHLEPPT UND AUSGEBREITET
Nicht nur auf natürlichem Weg, auch „unfreiwillig“ kommen Tier- und Pflanzenarten zu uns:
Sei es unabsichtliche Einschleppung, gezielte Ansiedlung oder einfach das Aussetzen nicht mehr erwünschter Haustiere – oft beginnen damit Probleme, mit denen der Mensch und seine Umwelt jahrelang zu kämpfen hat.
Als anschauliche Beispiele für Arten, die der Mensch in jüngster Vergangenheit in den Seewinkel gebracht hat, können der Amurkarpfen oder der Aal erwähnt werden. Die Einbringung in den Neusiedler See hat im Falle des Amurs dazu geführt, dass die – für viele Fischarten als Fortpflanzungslebensraum immens wichtigen – Laichkrautbestände stark dezimiert wurden. Auch der Aal, viele Jahre lang der Hauptwirtschaftsfisch am Neusiedler See, wurde hier künstlich eingeführt und zeigte durch sein Verhalten als Laichräuber negativen Einfluss auf die Bestände anderer Fischarten.
Zum Glück vermehren sich beide Arten im Neusiedler See nicht natürlich und werden so ohne weitere Besatzmaßnahmen bald wieder aus dem See verschwinden.
Sehr gut hingegen vermehren sich zwei Baumarten, die ebenfalls durch den Menschen in unser Gebiet gelangten und hier zum Teil große Probleme bereiten: Die aus Nordamerika stammende Robinie, im Volksmund „Akazie“ genannt, reichert als Schmetterlingsblütler den Boden mit Stickstoff an. Auf Magerrasen werden dadurch die Standortbedingungen zu Ungunsten der auf Nährstoffarmut spezialisierten – meist seltenen – Pflanzen verändert.
Im Seewinkel wie in großen Teilen des Karpatenbeckens wird die aus Zentralasien importierte Ölweide zum Eroberer unbeweideter Flächen und aufgelassener Weingärten. Dieser sehr widerstandsfähige Strauch oder kleine Baum kann auch salzige Bedingungen in hohem Maße tolerieren und besiedelt bei uns auch die Ränder von Salzlacken sowie andere Salzstellen. Dadurch wird die Struktur diese einzigartigen Lebensräume zum Nachteil zahlreicher Tier- und Pflanzenarten verändert.
Rückfragehinweis:
Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel
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Hauswiese, A – 7142 Illmitz
Tel.: +43 (0)2175 / 3442, Fax: +43 (0)2175 / 3442-4
e-mail: info@nationalpark-neusiedlersee-seewinkel.at
www.nationalpark-neusiedlersee-seewinkel.at
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20.07.2007,




